Zur Zeit beschäftigt mich eigentlich nichts so sehr, wie die Tatsache, dass hier mit nur wenigen Tagen Pause, die Viruswelle wieder rollt. Die Große hat übers Wochenende mit einem ekligen Schnupfen gekämpft, seit Montagmorgen bin ich wieder eingestiegen, die “Kleine” ist gestern wieder dabei. Bei ihr jetzt mit dollem Husten, der dafür sorgt, dass sie kaum schläft und sich ständig wach hustet.

In der Großfamilie sind auch gerade alle krank, die Neffchen und die Nichten hier und dort, und auch von den Großen hat es ein paar umgehauen. Während ich mit meinen Geschwistern telefoniert habe und wir uns gegenseitig die Krankenstandupdates durchgaben, dachte ich an den Winter 2010 und daran, wie wir selten im Leben wissen, wenn wir etwas zum letzten Mal erleben.

Im Winter 2010, der Bub war drei und das Goldkind ein Jahr alt, legte ab Ende Oktober ein Infekt nach dem anderen die beiden lahm und der Bub hatte gleich mehrere Lungenentzündungen hintereinander. Zur Krönung des Ganzen kriegten die beiden zu Weihnachten RS Viren und wir saßen mit Inhalator und Fiebersenker zu Heiligabend bei meiner Mutter unterm Weihnachtsbaum.

Aber obwohl die beiden uns alle hintereinander ansteckten und das Goldkind aus dem viralen Infekt eine Mandelentzündung und der Bub (natürlich) eine Lungenentzündung entwickelte und wir sogar in Koblenz zum Kinderarzt gehen mussten, um ein Antibiotikum zu bekommen, erinnere ich mich an dieses Weihnachtsfest als ein besonders Schönes. Es war chaotisch, ja, es war an vielen Stellen improvisiert, weil wir um die kranken Kinder herum organisierten. Aber wir waren zusammen, wir hatten uns, es war innig und warm.

Im Nachhinein habe ich oft darüber nachgedacht, ob wir irgendwie spürten, dass es das letzte Weihnachtsfest meiner Mutter sein würde. Ich erinnere mich nicht an irgendwelche düsteren Vorahnungen oder Ähnliches, im Gegenteil, in meiner Erinnerung gab es zu der Zeit keinen akuten Anlass zur Sorge. Wir waren vollkommen arglos.

Meiner Mutter ging es gut, die letzte Chemo lag eine Weile zurück, sie hatte keine Beschwerden oder seltsamen Symptome, der nächste Checkup stand erst im Januar wieder an. Dessen Ergebnis würde das Ende einläuten, aber das wussten wir nicht. Wir ahnten es nicht einmal. 

Wir feierten Weihnachten, wir buken und lasen Weihnachtsbücher, wir machten Spaziergänge und schmückten und sagen Lieder, ich spielte auf meinem alten Klavier für die Kinder, wir schauten Weihnachtsfilme, meine Mutter übte mit den Kinder Kerzen selber anzünden, es wurde Essen gekocht und der Baum aufgestellt – alles war richtig. Und wir taten all das zum letzten Mal gemeinsam, ohne es zu wissen.

Ob sie es wusste? Diese und ähnliche Fragen habe ich mir oft gestellt, Wochen und Monate später, als wir das letzte Mal Ostern feierten (da gab es schon eindeutige Anzeichen, dass es dem Ende zuging), den letzten Geburtstag eines meiner Kinder mit Oma, als wir die letzten Besuche in meinem Elternhaus machten, dem Haus meiner Mutter, Omas Haus, bevor sie auf die Palliativstation kam – und nie mehr nach Hause.

Letzte Male. Wahrscheinlich ist es gut, dass wir oft nicht wissen, dass wir letzte Male erleben. Wir erleben die Momente ungetrübt von vorweggenommener Trauer – denn das ist gewiss: wenn wir wissen, wenn wir uns ständig bewusst sind, dass wir in einer endgültigen Abschiedssituation sind, wie es in den letzten Wochen im Leben meiner Mutter beispielsweise der Fall war, dann beginnt die Trauer um all das, was wir verlieren, bereits genau in diesem Moment. Auch wenn natürlich dennoch schöne Momente entstehen, wenn es leichte Augenblicke gibt, gute Gespräche, inniges Beisammensein – alles steht in dem Kontext zum endgültigen Abschied, zu Tod und Verlust. Und um all das trauern wir bereits, während wir es noch erleben.

Wissen wir aber nicht um dieses “letzte Mal”, entstehen mit ein bisschen Glück andere Erinnerungen. Das letzte Weihnachten mit meiner Mutter war ungetrübt, obwohl wir natürlich immer wussten, dass ihre Krankheit irgendwann tödlich enden würde, denn damit lebten wir seit Jahren. Aber unser letztes gemeinsames Weihnachten war ein fröhliches, leicht chaotisches Fest mit allem, was bei uns zu Hause dazu gehört. Es gibt für mich in der Erinnerung daran keine Bitterkeit, kein Bedauern, keine Reue, kein Gefühl von Trauer.

Wir hatten es schön zusammen, bis zum Schluss, so lange, bis es nicht mehr schön war. Was bleibt sind gute Erinnerungen und die Dankbarkeit, das erlebt zu haben, beides hat in Summe im Laufe der Jahre das Elend der letzten Lebens- und Leidensmonate meiner Mutter in meiner Erinnerung überschrieben. Und ja, Trauer und Vermissen bleiben, das geht nie mehr weg. Damit leben wir weiter, bis wir selbst unsere letzten Male erlebt haben werden. Aber das Gute bleibt.

Die Liebe bleibt.

8 Kommentare

  1. Ja, wie gut Du es beschreibst. Wie gut, dass wir um die letzten Male nicht wissen. Schön, dass ihr reden konntet. Ja, die Erinnerung bleibt und dt es nicht schön, das wohlige Gefühl ohne das bittere?

  2. Liebe Anna, wie schön, dass du wieder schreibst. Dein letzter Text hat mich zu Tränen gerührt, obwohl es so ein schöner Tag für mich bisher war mit spontanem Freundinbesuch und guten Gesprächen. Die Trauer um deine Mama, das Schöne und das Bittere im Leben, du bringst es so berührend zum Ausdruck. Von Herzen Dank für diese Zeilen über die Kostbarkeit des Lebens.

  3. Der Text tut soo gut. Ich denke dabei an meinen Vater…. herzliche Grüße

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