Heute habe ich den ganzen Tag in der Küche gestanden. Und das ist keine Übertreibung. Ich habe das alljährliche Adventstruthahnessen vorbereitet, das wir seit einigen Jahren mit Freunden regelmäßig veranstalten. Dafür gibt es immer sehr viel vorzubereiten, von der Vorspeise, einem Hummerkrabbencocktail, über den Hauptgang (Truthahn, Füllung, Gemüse, Salat, Sauce) bis zum Desert (dieses Jahr gibt es Zimtparfait mit eingelegten Burgunderpflaumen).

Viel Arbeit, aber auch viel Freude, denn eigentlich ist Kochen mein Yoga. Also nicht unbedingt die Alltagskocherei, aber wenn es liebe Gäste zu bewirten gibt, macht mir das Spaß, mir etwas auszudenken, Dinge auszuprobieren und etwas Leckeres zu finden, das ich zubereiten kann.

Wir feiern gerne und haben gerne Gäste, das war schon früher bei uns zu Hause so, und seit mein Mann und ich ein Paar waren, haben wir das auch immer so gehalten: ein offenes Haus, in dem auch im Alltag häufig mehr Menschen am Tisch sitzen, als eigentlich bei uns wohnen. Und wir lieben es, unsere Freund*innen zusammenzubringen und selbst Zeit mit ihnen zu verbringen, gemeinsam zu essen, zu reden, zu lachen, den Abend zu genießen. Das steht also morgen mit dem Truthahnessen wieder ins Haus.

Als ich heute so in der Küche stand und schnippelte und anbriet und pürierte und vermischte, war ich überrascht, was mir dabei alles durch den Kopf ging bzw. was ich alles mir diesem speziellen Essen verbinde. Bei uns zu Hause gab es den Truthahn am 1. Weihnachtsfeiertag und die ganze Familie kam zum Essen: meine Großeltern, meine Tanten (die Schwestern meiner Mutter), meine Cousine und mein Cousin, außerdem die engsten Freunde meiner Eltern, zugleich Paten meiner Schwester und oft noch weitere Freunde. Wir waren viele und es wurde immer festlich und fröhlich.

Dieses volle Haus, die Gastlichkeit, die vielen Menschen versammelt um den Tisch – das verbinde ich absolut mit meiner Mutter. Sie war diejenige, die immer Menschen um sich scharte, die Essen und Feten (wie sie es selbst nannte) veranstaltete, die es gerne trubelig hatte. Darin bin ich ihr sehr ähnlich oder bin zumindest sehr von ihr geprägt.

Aber dieses Essen zu Weihnachten, genau diese Gerichte – das ist mein Papa. Denn diese Rezepte stammen aus seiner Kindheit in Chicago, wohin er mit seiner Familie emigriert war und diese Gerichte zu Thanksgiving dort kennenlernte. Er war es, der alles zubereitete und dabei fröhlich vor sich hin sang, während er tat, was ich heute getan habe: schnippeln und anbraten, pürieren und vermischen, marinieren und zerteilen.

Ich sehe ihn vor mir in der Küche meines Elternhauses, eine Schürze umgebunden oder ein Geschirrtuch wie einen Lendenschurz vorne in den Bund seiner Jeans gesteckt, damit er sich nicht bekleckerte. Er bereitete dieses Essen zu und war dabei in meiner Erinnerung glücklich und gut gelaunt, freute sich darüber, die alten Rezepte seiner Kindheit umzusetzen und hörte dazu AFN, den Radiosender der American Forces, wo non stop die alten amerikanischen Weihnachtshits gespielt wurden.

Während ich heute als0 den ganzen Tag in der Küche verbrachte, dachte ich an all das. An meinen fröhlichen, kochenden Vater zu Weihnachten, der zu den Klängen von Bing Crosby und Ella Fitzgerald den Truthahn füllte. An meine gesellige Mutter, die den Tisch festlich deckte, kleine Tannenzweige auf die Leinenservietten legte und die silbernen Serviettenringe zum Einsatz brachte, an meine große Familie, die später an diesem Tisch saß und gemeinsam aß.

Später, als meine Eltern getrennt waren, nahm mein Vater das Truthahnessen mit in sein neues Leben und wir gingen fortan am 2. Weihnachtsfeiertag zum Essen zu ihm und seiner Frau. Dort gab es dieselben Gerichte, gekocht nach denselben Rezepten. Aber es gab keinen singenden, kochenden Papa mehr, den ich still und vergnügt dabei beobachten konnte, wie er all das vorbereitete, damit es später von uns gemeinsam gegessen werden würde.

Später gab es Jahre, in denen meine Mutter und auch die engsten Freunde zu diesem Essen mitkamen. Die Traditionen und Rituale veränderten sich.

Und dann habe ich das Truthahnessen mitgenommen in mein Leben mit meiner eigenen Familie. Zuerst haben wir es zu Weihnachten gemacht, oft mit meinen Geschwistern und auch meinen Eltern. Je mehr Kinder wir alle hatten, umso schwieriger wurde es, alles unter einen Hut zu bekommen. Und so wurde aus dem Familienessen ein Essen mit Freunden, aus dem Weihnachtstruthahn ein Adventstruthahn, so wie es zuvor ein Thanksgivingtruthahn gewesen war.

Ich mag das. Und ich dachte heute an all das, während ich vor mich hin kochte und zubereitete und mich vor mich hin freute. Wer weiß, wohin diese Rezepte noch mitgenommen werden?

Last Updated on 22. Dezember 2022 by Anna Luz de León

4 Kommentare

  1. Danke für diesen inspirierenden Text und ein fröhliches Beisammensein wünsche ich euch.

    Claudia

  2. Deine schönen Texte über große Essen, Neuseeland zu Weihnachten und all die anderen wunderbaren Dinge könnten einen fast vergessen lassen, wie viele Familien in diesem Jahr nicht wissen, wie sie Essen, Miete und Heizung bezahlen sollen. Wie viel Krieg und Elend gerade herrscht. Ich verstehe, dass das auf Deinem Familien-/Mum- Blog nichts verloren hat und hier auch nicht hergehört, aber dieses absolute Glück von Menschen, denen es an nichts fehlt, nichts mangelt und wo alles irgendwie einfach weiter geht mit Reisen, Essen, Wohnen, Reisen und Glücklichsein – das fällt mir in diesem Dezember in meinem kalten Wohnzimmer doch sehr stark auf. Es fühlt sich für mich falsch an. Ich stelle darum die Lektüre ein. Dies nur als Feedback. Andere erfreuen sich daran, und das ist ja auch schön und soll gerne so sein.

  3. Liebe Anna, das klingt einfach wundervoll! Und es ist ein sehr schöner Gedanke, die Rezepte so immer weiter zu tragen.
    Alles Liebe, Nina

  4. Ich bin so froh, dass Du den Blog wieder bestückst. Deine Nachdenklichkeit und trotzdem positive Art sind eine Bereicherung in der Zeit voller Übermoral und Verlogenheit. Danke dafür!

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