Gestern saß ich mit einer Freundin noch lange auf dem Balkon, es war der erste warme Sommerabend, an dem ich nicht vollauf mit den Kindern beschäftigt war und wir tranken ein Mischbier und redeten über Gott und die Welt. Und irgendwann sagte sie: „Deine Mama ist jetzt auch schon ganz schön lange tot.“ Und ich sagte: „Ja, im August sind es acht Jahre.“ Und während ich das aussprach, wurde mir klar, wie absurd sich das eigentlich anfühlt: acht Jahre ohne sie, nach zuvor achtunddreißig Jahren mit ihr. Und obwohl es sich immer noch falsch anfühlt und ich den Verlust nach wie vor herbe spüre, wurde mir klar, wie routiniert ich inzwischen mit der Trauer leben kann, wir alle. Sie fehlt uns immer und dennoch sind wir glücklich.

Aber wann kommt eigentlich der Punkt nach dem Tod eines geliebten Menschen, an dem man leicht über die Lippen bringt: „Er war immer so gern am Meer.“ Oder: „Sie liebte ihre Schwestern so sehr.“ Wann gewöhnt man sich an die Vergangenheitsform, wenn man über diese Person spricht, die immer da war, es nun aber nicht mehr ist? Wie kommt Normalität in das Leben mit dem Tod? Und wie kann man mit der Trauer leben und den Alltag bestreiten, ohne dass der Verlust unser Leben beherrscht?

Wie geht das: mit der Trauer leben?

Ich denke oft darüber nach, wie unser Umgang mit Tod und Trauer eigentlich ist. Was wir unseren Kindern erzählen, wie wir mit ihnen darüber sprechen, dass jemand gestorben ist. Und wie wir ohne diesen geliebten Menschen weitermachen.

Natürlich, man gewöhnt sich an vieles. Mir kommt es heutzutage verhältnismäßig leicht über die Lippen, dass meine Mutter tot ist, wenn ich mit jemandem über sie spreche. Aber das ist nur eine Frage der Übung, nicht unbedingt ein Ausdruck dafür, wie gut ich mit dieser Tatsache leben kann. Und das ist ein Teil der Krux. Wenn jemand stirbt, wollen wir immer alle mitfühlend sein, wir sind zugewandt gegenüber denen, die trauern und möchten ihnen etwas Gutes tun.

Aber wollen wir ihre Trauer wirklich dauerhaft aushalten? Können wir damit umgehen, dass die Kinder, die ihre Mutter verloren haben, nachhaltig diesen Verlust spüren und dieser sie für immer verändert? Sind wir bereit, der unendlichen Trauer Platz zu machen, die eine junge Frau empfindet, deren Mann gestorben ist? Nicht nur, wenn es gerade passiert ist? Nicht nur am Tag der Beerdigung, sondern an jedem Tag, der danach noch kommt? An jedem beliebigen Schultag oder Ferientag, bei Regen oder Sonnenschein und egal zu welcher Jahreszeit? Wollen wir an der Seite derer bleiben, die trauern und aushalten, dass sie dieses Gefühl nun für immer begleiten wird?

Ich glaube, so sehr wir das eigentlich auch wollen – die Realität sieht anders aus. In unserer Gesellschaft ist wenig bis kein Platz für „dysfunktionale“ Menschen und jemand der trauert, funktioniert nicht wie zuvor. Wir lernen, unsere Trauer zu verbergen, zumindest außerhalb unserer safe spaces, weil wir erfahren, dass unser „Außen“ nicht gern und nicht gut damit umgeht. Das ist gar nichts Individuelles oder gar ein Versagen unserer Freund*innen oder Kolleg*innen. Es ist eher die gesellschaftliche Gewohnheit, „richtig“ sein zu wollen oder zu müssen, uns nicht zu unterscheiden, keinen Hinweis darauf zu geben, dass wir in irgend einer Form nicht „in Ordnung“ sind. Weil wir gelernt haben, dass dafür kein Platz ist. Sollte es aber.

Seit ich Mutter bin: Loslassen lernen | berlinmittemom.com

Tod ist das Trauma, Trauer ist Verarbeitung

Als meine Mutter im Sterben lag, waren viele Menschen um meine Geschwister und mich herum. Natürlich unsere Liebsten, unser Partner*innen, unser Vater und seine Frau, die Geschwister meiner Mutter, ihre engen Freund*innen. Auch meine engen Freundinnen waren um mich und das werde ich niemals im Leben vergessen. Eine kam zu mir auf die Palliativstation und saß einfach dort mit mir, wir redeten, wir waren zusammen, sie war zu mir gekommen, um mir beizustehen. Eine kam aus Berlin zur Beerdigung nach Koblenz gereist und blieb an meiner Seite. Sie war zu mir gekommen, um mir beizustehen. Eine kam während der letzten vier Wochen fast jeden Tag zu uns und blieb nächtelang bei mir, sie kam zu mir, um mir beizustehen. Eine rief aus Griechenland an, schickte jeden Tag Nachrichten und rief mir über den Ozean zu, dass sie an meiner Seite blieb, um mir beizustehen. Sie alle hielten meine Hand und ich musste nichts sagen. Nichts erklären. Sie waren da.

Dann kehrten wir in den Alltag zurück. Das Grab war geschlossen, die Blumenkränze waren verwelkt. Die Sommerferien endeten und die Kinder gingen zurück in die Kita und die Schule und eine gewisse Normalität stellte sich ein. Und doch nicht. Denn nichts war mehr „normal“, nichts war mehr wie zuvor, nichts fühlte sich sicher an und alles, was vertraut und richtig war, alle unserer Routinen und Rituale bekamen ein Fragezeichen. Wie wird das Leben sein ohne meine Mutter? Ohne diese Großmutter meiner Kinder? Ohne den konkreten Ort „zu Hause“, an den ich immer hatte zurückkehren können? Alle Verrichtungen mit den Kindern, in denen mein Muttersein zum Tragen kam, waren durch die Mutter geprägt, die ich gehabt hatte. Und so war in jeder Verrichtung mit meinen Kindern, in jedem Lied, jedem Reim, jedem Gute-Nacht-Gebet und jedem Alltagsritual meine Mutter anwesend. Das war unfassbar schmerzlich – und ich konnte es niemandem erklären.

Wir summen unsere Grundmelodie der Trauer – für immer

Denn die meisten Menschen um mich her, Nachbar*innen, Bekannte, auch Freund*innen, sahen mich funktionieren, sahen mich lächeln, sahen mich, wie ich glücklich meine Kinder betrachtete und stellten ein bisschen erleichtert fest: es ging mir offensichtlich gut. Ich kam offensichtlich mit dem Verlust gut zurecht. Ganz offenbar wog die Trauer nicht so schwer. Und ebenso erleichtert wurde dann in der logischen Konsequenz auch eine gewisse seelische Stabilität im Umgang mit meinem, mit unserem Verlust erwartet oder vorausgesetzt. Dabei steckten wir mit allem, was wir hatten in tiefer, tiefer Trauer. Bloß erkannten das die wenigsten. Und nur die wenigsten fragten nach.

Denn was gar nicht mal so viele Menschen wissen: die Trauer ist kein entweder-oder-Zustand. Sie ist unsere stetige Begleiterin und hält sich immer in unserer Nähe auf. Wir tragen sie mit uns wie eine Grundmelodie in unseren Herzen und ganz egal, ob wir gerade fröhlich sind oder vielleicht über etwas lachen müssen, egal, ob wir uns in der Gesellschaft von Herzensmenschen befinden oder an einem Lieblingsort sind – diese Melodie klingt in uns. Für immer. Denn sie gehört jetzt zu uns.

Brief an meine Kinder | berlinmittemom.com

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, jemand, der selbstverständlich immer einfach da war, dann hinterlässt das eine Lücke. Das weiß jeder, das kommt in jeder Trauerrede vor. Aber was das tatsächlich heißt, verstehen wahrscheinlich nur diejenigen Menschen, die einen solchen Verlust selbst schon mal erlitten haben.

Es bedeutet nicht nur, mit der Lücke leben zu lernen. Es bedeutet vor allem, anzuerkennen, dass diese Lücke niemals geschlossen oder gefüllt werden kann. Nicht mit Arbeit, nicht mit einem anderen Menschen, nicht mit noch so viel sinnvollem Engagement und nicht mit der allergrößten Freude. Es bleibt – eine Lücke.

Sie steht für die Liebe, die wir verloren haben. Für den Menschen, der uns so lange oder intensiv begleitet hat und der unwiederbringlich fort ist. Sie steht für den unglaublichen Schmerz, der uns immer wieder mit voller Wucht trifft, wenn ganz unverhofft etwas die Erinnerung an diesen Menschen ganz unmittelbar in unser Bewusstsein einschleust. Das kann ein Duft sein oder Musik, ein Wind, ein bestimmter Ort, vielleicht auch das Lächeln eines anderen Menschen und manchmal das Wetter. Oft sehen wir es nicht mal kommen. Und dennoch wird der Schmerz ausgelöst und lässt die Grundmelodie unserer Trauer in uns anschwellen und lauter werden.

Trauer ist die andere Seite der Liebe

Ich lass sie kommen, diese Melodie. Sie gehört mir, und ich habe gelernt, mit ihr zu leben. Sie macht mir keine Angst mehr, sie lähmt mich nicht, und sie ist auch nichts, was ich überwinden oder hinter mir lassen möchte. Sie ist die Trauer um meine geliebte Mama, die Frau, die mich geboren und meine ganze Kindheit hindurch begleitet hat. Die mich geliebt hat wie sonst keine auf der Welt, die mich gekannt hat wie sonst niemand, denn sie war – meine Mutter. Und meine Grundmelodie der Trauer ist das, was mir neben all den hellen Erinnerungen von ihr geblieben ist.

Die Melodie ist ihre Liebe, die mir fehlt. Sie ist das Gespräch mit ihr, das ich nicht mehr führen kann. Sie ist das Lachen, das ich nie mehr hören werde und ihre Hand, die ich nie mehr halten kann. Sie ist das Vermissen und die unerfüllbare Sehnsucht, noch einmal diesen Blick auf mir zu spüren, den ich nie mehr spüren werde. Und sie ist die unendliche Dankbarkeit für all die Fülle, die ich durch meine Mutter erfahren durfte. Mit der Trauer leben heißt für mich, die Liebe meiner Mutter in mir tragen, in hellen und in dunklen Tagen.

Ich habe schon oft über Trauer geschrieben, darüber, dass unsere Liebe uns überdauert und wie sehr ich daran glaube, dass die Liebe, die wir im Laufe unseres Lebens erfahren und schenken, eine eigene Lebenszeit hat. Denn unsere Liebe hinterlässt Spuren in den Leben von anderen, zum Beispiel in unseren Kindern. Und sie pflanzt sich fort, wenn sie von uns auf andere übergeht und auch von dort wiederum weitergegeben wird.

Aber in der Grundmelodie der Trauer, von der ich heute schreibe, ist sie ebenfalls enthalten. Denn Trauer ist die andere Seite der Liebe, deren Sehnsucht nach Erfüllung für immer unbeantwortet bleibt.

Seit ich Mutter bin - Mom of 3 | berlinmittemom.com

Weiterleben ohne dich – traurig Glücklichsein

Für mich ist Trauern also ein Daseinszustand. Nicht, weil ich mich darin suhlen will oder einmal täglich weine oder beim Anblick von blauen Hortensien in Tränen ausbreche. Es hat ganz und gar nichts mit seelischer Instabilität zu tun oder damit, dass ich nicht „funktionieren“ könnte oder mein Leben für immer überschattet wäre. Im Gegenteil, ich führe ein ziemlich fröhliches Leben, könnte man sagen. Nein, es bedeutet, dass meine Grundmelodie in mir klingt und ich auf eine Weise in dieser Trauer meine Mutter mit mir trage. Nicht nur in den schönen Erinnerungen an eine zauberhafte Kindheit und an viele Jahre gutes Erwachsenenleben, in denen wir uns vor allem in unserem jeweiligen Muttersein sehr nah waren, sondern eben auch in dem Schmerz des Verlustes, den ich erlitten habe.

Und ich glaube, es geht den meisten Trauernden so. Wir machen weiter, oft sogar ziemlich gut, und wir lernen, mit unserem Verlust zu leben. Aber wir sind für immer verändert durch diese Erfahrung und das ist auch vollkommen okay so. Wie seltsam wäre es, den Tod eines geliebten Menschen tatsächlich zu „überwinden“, wo sie doch unser halbes Leben begleitet, uns geliebt und geprägt haben? Stattdessen tragen wir sie in der Grundmelodie unserer Trauer weiter in unser Leben nach ihrem Tod – und nehmen sie dadurch auch irgendwie mit in eine neue Form der Liebe, in der ein Teil für immer die unbeantwortete Sehnsucht sein wird.

Wenn also jemand in eurem Umfeld einen solchen Verlust erleidet, ist das Beste, was ihr tun könnt nicht Trost zu spenden oder der Versuch, sie aufzumuntern, sondern die Anerkennung: erkennt den Schmerz an, erkennt die Trauer an und gebt ihnen die Zeit und den Raum für beides. Liebt sie und bleibt an ihrer Seite, aber sagt nicht, die Zeit heilt alle Wunden, denn das tut sie nicht und soll es auch gar nicht. Die Zeit verändert die Trauer, aber sie löscht sie nicht aus. Das ist okay. An schweren Tagen wie Geburts- und Todestagen, fragt nach, was sie brauchen. Ist es Ablenkung oder lieber sich vergraben und alles fühlen, was die Trauer gerade verlangt? Dann gebt ihnen genau das.

Und vergesst nie: die Trauer bleibt bei uns. Sie nimmt verschiedene Formen an, sie wird leiser und sie ängstigt uns nach einiger Zeit auch nicht mehr so. Aber sie verschwindet nicht irgendwann, sowenig, wie die guten Erinnerungen an das Leben mit unseren Liebsten verschwinden, die wir gehen lassen mussten.

Die Trauer ist jetzt ein Teil von uns und wir nehmen sie mit, so lange wir leben. Das heißt nicht, dass wir stehenbleiben. Sie begleitet uns nur ab jetzt. Und es ist schön, wenn unsere Liebsten um uns her uns das lassen und es einfach anerkennen. Mit einem Lächeln.

Passt auf euch auf.

Die Trauer sickert in die Seele eint und nistet sich dort ein, ganz allmählich und mit einer langsamen Bewegung, weil sie weiß, sie hat alle Zeit der Welt. Sie ist gekommen, um zu bleiben. (Sommerhimmel & Rosen bleiben uns,  berlinmittemom.com | Juni . 2012)

13 Kommentare

  1. Danke für diesen Artikel. Ich habe geweint und genickt und es ist genau das was ich erlebe. Durchlebe. Erleide. Seit einem Jahr. Mein Papa ist plötzlich gestorben und seitdem ist nichts mehr wie es war. Ich passe auf meine Mama auf, auf meinen Mann und unsere Söhne. Ich vermisse Papa jeden Tag, jede Sekunde in meinem Leben. Wir erleben schöne Dinge aber es fühlt sich an als käme man nie wieder auf die gewohnten 100% die einmal da waren kommen. Die meisten Menschen können nicht mit Trauer umgehen und ich glaube ich konnte das auch nicht. Aber niemand kann ermesssen was es bedeutet der es nicht erlebt hat. Danke für die Melodie. Das ist alles sehr sehr passend und drückt aus was ich auch erlebe jeden Tag

  2. Liebe Anna,
    wieder einmal ein Text, bei dem das Herz mitliest. Danke, danke, danke!
    Liv

  3. Ja Anna, genau so ist das auch für mich. Die Menschen, die wir liebten, begleiten uns ein Leben lang.
    ♥ Alexandra

  4. Liebe Anna,

    ich bin etwa vor einem Jahr erstmalig auf Dich gestoßen, ich glaube in der Brigitte hattest Du über den Verlust Deiner Mutter geschrieben und ich, die auch gereade meine Mutter verloren hatte habe mich sehr wiedergefunden und war froh zu merken, das auch andere das durchleben was ich durchlebe und was öffentlich eher weggeschwiegen wird, weil es schmerzhaft ist und anstrengend und man ja doch keinen patenten Rat hat im Umgang mit dem Tod.
    In den ersten Wochen nach ihrem Tod konnte ich eigentlich nur Menschen um mich herum ertragen, die das schon mal durchlebt hatten und mit denen ich über Sterben und Verlust reden konnte und die nicht mit unwichtigen Alltagsproblemen daherkamen. Die Prioritäten und das, was man als wichtig empfindet und was nicht verschieben sich ja plötzlich Erdrutschartig.

    Deinen neuen Artikel lese ich jetzt genau am Todestag meiner Mutter, nach einem Jahr. Inwischen ist wieder „Normalität“ eingekehrt und ich kann banale Gespräche wieder aushalten und habe auch selber wieder manchmal „kleine Probleme“ . Und glücklich bin ich sowieso oft gewesen auch nach dem Tod meiner Mutter. Am meisten darüber selbst Mutter zu sein und meiner Tochter weitergeben zu können , was ich von meiner Mutter bekommen habe.
    Trotzdem ist es genau wie Du sagst: die Trauer ist immer in mir und ich bin seitdem ein anderer Mensch. Sie kommt in Wellen, wenig steuerbar und oft überraschend. Für mich selber ist das in Ordnung, ich find Trauer ein okayes Gefühl wenn man das so sagen kann. Angst ist z.B.viel scherwer zu ertragen. Was mich stört ist eben das soziale Unverständnis das einem manchmal entgegenschlägt wenn man plötzlich traurig ist wegen etwas was doch eigentlich langsam mal verarbeitet sein sollte. Und darum bin ich furchbar dankbar über Artikel wie den Deinen, der sich mit diesem schweren umbequemen Thema auseinandersetzt und eine Bresche für die Trauer schlägt! Danke Dir!
    Katja

  5. Wow…was für ein Text. DANKE dafür. Ich habe ihn gerade zum vierten Mal heute gelesen und fühle ihn. Vielleicht, weil ich GENAU SO fühle, wie Du es beschreibst. Bei mir sind es jetzt vier Jahre – manchmal kommt es mir vor, als wäre es gestern gewesen, manchmal erschrickt man fast, weil es einem schon viel länger vorkommt. Der Tod meiner wunderbaren Mama (54) war wohl die Erfahrung, die mich am meisten in meinem Leben geprägt haben wird. Ja, es hat unser aller Leben komplett verändert. Ich bin dennoch unendlich dankbar, dass ich Menschen an meiner Seite habe, die mich all die Zeit so ausgehalten haben und mir das Gefühl geben, mich zu verstehen. Es gibt nichts, was wertvoller ist.
    „Kaputte“ Menschen sind zwar nicht leicht zu lieben, aber dafür lieben sie auch intensiver und wissen es noch mehr zu schätzen.

  6. Liebe Anna,

    Ja, ja, ja, ja. So viele Jas zu dem was du sagst! Meine Mama ist erst 7 Monate tot, mein Vater 3 Jahre. Und ich funktioniere und bin glücklich in vielen Momenten, genauso wie ich zugleich unglücklich bin. Ja, das kann eigentlich nur einer verstehen, der es so schon erlebt hat. Der Tod bring eine unendliche Vertiefung ins Leben. Eine Vertiefung des Schmerzes genauso wie der Freude im Leben. Eine Vertiefung der Dankbarkeit und Verbundenheit; des Mutes zu Lieben und zur Ehrlichkeit. Die spürbare Endlichkeit unseres wunderbaren Lebens bringt mit der Trauer auch eine grössere Lebenslust, die weniger zaudert. Für mich hat der langsame und qualvolle Tod meiner Mutter ein Tor in eine grössere Welt aufgemacht. Fremde Menschen öffneten uns ihre Herzen und vertraute Menschen trugen uns in unserem Schmerz. Ich persönlich habe mich einer weitaus grösseren mütterlichen Energie geöffnet, die ich von anderen Frauen und der Natur erfahre.
    Ich stimme dir zu, dass die Liebe uns alle überdauert und ich sehe ihre Liebe und Spuren überall in meinem Wesen und in ihren Enkelkindern und Liebsten. Das gibt mir Mut, meine eigene Liebe uneingeschränkter zu leben und zu teilen. Ich weiss, meine Liebe wird mich überdauern und sich fortpflanzen in denen die ich beeinflusse.
    Was ich für mich als Mutter spannend finde ist die Frage wie uns das Sterben unserer Eltern auch auf unser eigenes Sterben vorbereiten kann. Meine Mutter hatte unendliche Angst, vergessen zu werden und uns nicht mehr positiv beeinflussen zu können. Sie hatte keine Idee wie präsent sie in unserem Leben täglich ist und sein wird. Selbst zu erleben, wie ich nach ihrem Tod weiterleben kann und traurig glücklich sein kann, wie der Schmerz meinem Leben eine andere Tiefe gegeben hat, lässt mich erahnen, wie meine Tochter damit zurechtkommen wird wenn ich gehen muss. Mit ihr den Tod der Grosseltern zu verarbeiten und mit ihr meine Trauerarbeit zu teilen, hilft mir dieses zukünftige Abschied nehmen zu antizipieren.
    Und Trauer zu teilen, kann auch verbinden. Letztens fragte jemand unbedarft nach meinem schlimmsten Erlebnis in 2018 und nachdem ich erst überlegte zu lügen, erzählte in einer Frauenrunde, mit teilweise fremden Frauen, dass das der Moment war, als meine 66 Jährige Mutter mich fragte, ob sie denn bald sterben müsste. Dies entfachte eine unglaublich schönes und ehrliches Gespräch, in dem zwei andere Frauen auch vom Tod ihrer Eltern erzählten und in dem wir so viel Weisheit und Verbundenheit teilen konnten.
    Kinder bekommen ist so eine unendlich intensive und Lebensverändernde Erfahrung, die man auch schlecht teilen kann, wenn man es nicht erlebt hat. Die Eltern verlieren ist eine vertiefende Erfahrung. Wenn man auf jemanden trifft, der das erfahren hat, verbinden sich die Herzen ein kleines Stückchen.
    Ich drücke dich und danke dir dass du immer wieder die Tiefen deines Herzens teilst.
    Nora

    • Danke, dass du immer wieder zum Thema Trauer schreibst. Meine Mutter ist dieses Jahr schon 9 Jahre tot und ich finde mich in deinen Texten zum Thema immer sehr wieder.

      • Ich finde es wichtig, dass wir immer wieder darüber sprechen können. Schreiben können. Lesen können. Und dass wir immer wissen: wir sind nicht allein. Unsre Gefühle sind normal. Sie sind richtig. Und ich freue mich, dass du dich bei dem Thema hier wiederfindest. Ganz liebe Grüße!

  7. Ein schöner, sehr schöner Text und alles sehr sehr treffend.
    Meine Mutti ist vor über 26 Jahren gestorben und immer noch gibt es Zeiten, da vermisse ich sie jeden Tag.
    Ich habe mal irgendwo einen passenden Spruch gelesen: „Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber sie rückt das Unheilbare aus dem Mittelpunkt.“ Den fand ich vor vielen Jahren schon passend und heute immer noch.

    Alles Liebe Katrin

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