Tag zwei der Morgenseiten vom Darß. Der Anfang hat mir gestern schon mal gut gefallen. Und auch gut getan! Einfach direkt in dieses Fenster in WordPress schreiben. Nicht filtern. Nicht so viel herumfeilen. Eine „alte Weggenossin“ aus früheren Bloggerzeiten schrieb mir gestern auf Instagram: „Tolle Idee! Fühlt sich ein bisschen an wie Bloggen von früher!“ Und das ist ja genau das, was ich erreichen will. Zuerst mal für mich selbst, aber auch für alle, die hier lesen. Wie habe ich vor einiger Zeit mal geschrieben? Es geht mir beim Bloggen, beim Schreiben grundsätzlich vor allem um Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit. Ums echt sein und echt bleiben. Das hier könnte mein Weg sein – die Morgenseiten vom Darß als Einstieg in eine neue alte Art zu bloggen.

Jetzt sitze ich also wieder hier, den Babyhund und meinen zweiten Kaffee neben mir, den Blick auf die Eiche. Draußen ist es noch grau nach einem Tag, der mit einem kleinen Unwetter zu Ende ging.

Morgenseiten vom Darß - Babyhund | berlinmittemom

Es hat gestern am Nachmittag noch geregnet und gestürmt, nachdem der Tag besonders warm und auch sehr sonnig gewesen war. Das Goldkind hatte die erste astreine Migräneattacke ihres Lebens aufgrund des Wetters gestern und lag nach dem Reiten den Nachmittag über mit einem kalten Lappen auf der Stirn im Bett.

Ich erinnere mich an meine erste bewusst erlebte Migräne, da war ich vielleicht fünfzehn. Meine damals liebste Freundin Alex war bei mir, wir gingen nach einer gemeinsamen Theaterprobe zu mir nach Hause, und auf dem Heimweg, der nur wenige Minuten dauerte, hatte ich eine Sehstörung. Ich weiß noch, dass ich das seltsam aber fast schon lustig fand: da war dieser Kreis aus Licht am Rande meines Sichtfeldes, der sich wie in einem gleißenden Kaleidoskop drehte und mir einen grellen Schwindel verursachte. Ich wusste gar nicht, womit ich es zu tun hatte, aber es war auch nicht sehr unangenehm. Maximal fünf Minuten nach dieser Sensation kam ich, durch meine Freundin stabilisiert, bei mir zu Hause an und ich berichtete meiner Mutter von der Sehstörung, die sofort schaltete, migräneerfahren wie sie war. Aber es war schon zu spät. Der Hammer erwischte mich mit voller Wucht, so dass ich mich sogar übergeben musste, so heftig waren die Kopfschmerzen.

Ich erinnere mich an den kalten Lappen über meinen Augen, die heruntergelassenen Rollläden, die streichelnde Hand meiner Freundin, die mich vorsichtig zudeckte und bei mir blieb. Ich fiel in einen alptraumhaften Schlaf, der vor allem den Zweck erfüllte, einen Zustand zu erreichen, in dem der Schmerz irgendwie zu ertragen war. Seit dieser ersten Attacke habe ich das oft erlebt, selten so heftig allerdings.

Wetterfühlig bin ich, reagiere empfindlich auf Luftdruckveränderungen und hormonelle Schwankungen sowie auf Alkohol und zu wenig Schlaf. Ich kenne Migräne seit ich dieses junges Mädchen mit dem Kaleidoskpb im Sichtfeld war und lebe mit den unterschiedlichen Intensitäten der Attacken in den verschiedenen Phasen meines Lebens. Eine Sehstörung habe ich nie wieder gehabt, dafür bin ich extrem licht- und geräuschempfindlich, wenn es mich erwischt, brauche Dunkelheit und Kälte, damit der Helm aus Schmerz um meinen Kopf irgendwie erträglich wird.

Gestern habe ich mein jüngstes Kind durch die erste Migräne ihres Lebens begleitet und immer wieder gesagt: „Es geht vorbei, hab keine Angst. Ich pass auf dich auf. Es geht vorbei.“ Alle meine Kinder haben die Tendenz zur Migräne von mir geerbt, so wie meine Geschwister und ich sie von meiner Mutter geerbt haben und sie sie von ihrer. Und das Goldkind hat sich nun eingereiht in diese Erbfolge der Migräneneigungen.

Heute morgen ist es wieder gut. Wir beide haben schon zusammen Orangensaft und Kaffee in der Küche getrunken, während die anderen noch schliefen und festgestellt, dass die Gewitter in unseren Köpfen (ich hatte gestern auch einen leichten Anflug) sich verzogen haben. Gut, zu wissen, dass man mit manchen unangenehmen Erfahrungen nicht alleine ist.

Damit sind die zweiten Morgenseiten vom Darß komplett und ich freue mich darüber, wie leicht es mir bisher fällt, einfach so assoziativ drauf los zu schreiben. Auch wenn Migräneerinnerungen nicht zu den schönsten Dingen im Leben gehören. Kennt eigentlich jemand von euch diese Art Sehstörungen?

 

10 Kommentare

  1. Schön, dass es der Tochter wieder gut geht!
    Ich kenne das selbst nicht, aber meine Tochter hatte das mal mit 14 mitten im Unterricht: Sehstörungen, Wortfindungsstörungen, taube Finger (aber kaum Kopfschmerzen) …
    Da war schnell MRT angesagt und die Ärzte bescheinigten ihr eine Migräne-Aura wie aus dem Lehrbuch. Seitdem ist das aber nie wieder aufgetreten bis jetzt mit 17.
    Ich drücke die Daumen, dass Ihr alle Euch möglichst selten damit herumquälen müsst und wünsche schöne Ferien!

  2. Ach Anna, wie schön, von dir zu lesen! So zu lesen! Diese Art von Texten habe ich wirklich vermisst.
    Die Kronprinzessin ist im Alter des Goldkindes, und sie hatte vor einigen Wochen ihre erste Migräne, das volle Programm.
    Ich kenne es erst seitdem der 7 jährige auf der Welt ist, wahrscheinlich mit Eintritt in die Wechseljahre.
    Meine Mutter hatte es auch zu diesen Zeiten.
    Die Wetterfühligkeit haben wir auch alle.
    Sehstörungen hatte bisher allerdings keiner von uns.
    Liebe Grüße auf den Darß,
    Nina

    • Liebe Nina, schön, dass du hier bist! Und natürlich nicht schön, dass wir die Migräneerfahrungen teilen. Aber es ist schon so: sich austauschen zu können, hilft. Ganz liebe Grüße an dich und die Kronprinzessin

  3. ……genau solche posts sind das leben….ich danke dir dafür, das ich jetzt jeden tag von dir lesen darf…
    fühl dich umarmt
    annette

  4. Liebe Anna!
    Es ist sehr schön wieder von dir zu lesen. Ich mag die Art deiner Texte sehr. Ich freue mich auf die nächsten Wochen und deine Gedanken zu eurer Zeit an der Ostsee.
    Tatsächlich denke ich gerade darüber nach, ob ich das nicht auch einmal machen sollte- den Tag, die Gedanken und Erlebnisse der Ferien aufschreiben und der Gedanke ist mir beim Lesen deiner Zeilen gekommen. Wir sind auch gerade in unserem (blaugrauen) Haus an der Osrsee, allerdings etwas weiter nördlich, in unserer Herzensheimat Schweden, auf Öland. Das erste Mal werden wir ganze vier Wochen bleiben. Die ersten Tage sind zwar schon vorbei, aber es wäre noch zu schaffen.
    Die Sehstörungen begleiten mich übrigens seit Jahren und es hat lange gedauert, bis ich herausgefunden habe, dass sie ein Teil oder eine Form der Migräne sind. Glücklicherweise ist es bei mir bislang bei diesen Blitzen und Kreisen geblieben und der eigentliche Schmerz blieb aus.
    Ich drücke euch die Daumen, dass ihr die Zeit ohne weitere Attacken genießen könnt.
    Liebe Grüße
    Melanie

    • Liebe Melanie, wie schön, dass die Idee der Morgenseiten dich da inspiriert hat, vielleicht selbst so etwas als Ritual zu installieren. Ich kann das nur empfehlen, ganz egal, mit welcher Ausrichtung. Und wie du die Umgebung beschreibst, in der du dich gerade aufhältst – das klingt perfekt dafür! Alles Liebe, keine Migräneattacken und eine tolle Zeit in Schweden wünsch ich dir.

  5. Liebe Anna, ich weiß nicht genau warum und wieso…. ich bzw. wir haben auch keine Migräne-Erfahung. Aber wiederholt sitze ich tränenüberströmt vor einem Deiner Beiträge. Vielleicht weil ich mich auch so auf Prerow und den Darß freue, wo wir Mitte August endlich wieder hinfahren. Irgendetwas berührt mich so sehr…… Liebe Grüße ohne weitere Worte, Sabine

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