Morgens unter der Eiche schreibe ich Morgenseiten vom Darß. Was für eine schöne Idee ich da hatte! Ich würde den frühen Morgen nutzen, wie es bei Julia Cameron geschrieben steht und würde mit meinen Schreibübungen, mit diesen Morgenseiten, meine Kreativität triggern. So der Plan. Alle Kinder würden noch schlafen, der Hund würde friedlich zu meinen Füßen schlummern, nachdem ich ihn versorgt hätte. Der verwirrte Hahn der Nachbarn würde erst später mit seinem planlosen Gekrähe anfangen und überhaupt würde eine friedliche Stille herrschen rings um mich her.

Tja. Wie das mit Plänen so ist, ne. Erstens ist der Hund um die Uhrzeit einfach fit wie ein Turnschuh und wenn ich mich nicht mit ihm beschäftige, muss ich ihn scharf im Blick behalten, da er ansonsten versucht, den Teppich anzuknabbern oder den Kater nervt. Und zweitens… bin ich allein unter Teenagern. Nicht nur meine eigenen, nein, ich habe mir noch zwei Teenies dazu eingeladen. Fürs Erste. Denn da kommen im Laufe des Sommers noch mehr.

Leben ohne Filter und mit ganz viel Krach

Wirklich, ich muss an einer seltenen Art von Amnesie leiden, die dazu führt, dass ich Jahr für Jahr vergesse, was es bedeutet, sich Teenager (egal welchen Alters btw) ins Haus zu holen. Nicht, dass ich falsch verstanden werde: ich l i e b e meine Teenies heiß und innig, ich liebe ihre Freund*innen und sowieso Teenies ganz grundsätzlich. Ich spreche gerne mit ihnen über die Dinge, die ihnen wichtig sind und die sie bewegen, ich finde sie interessant und klug und freue mich, wenn ich ihren tiefgründigen Gedanken übers Leben und seine Bedeutung folgen darf. Außerdem mag ich diese hemmungslose und manchmal auch tabulose Art von Humor, mit dem sie über so ziemlich alles lachen können – auch über sich selbst. Also eigentlich bin ich ein Teenager-Fan. Ganz ehrlich.

Drei Tage wach und tausend Tabs offen

Was ich allerdings n i c h t liebe: Bierpong im Garten bis tief in die Nacht, schlechte Musik aus Bluetoothboxen auf dem Trampolin (ebenfalls mitten in der Nacht), Gespräche über Haare und Datingplattformen und Internetmemes, die Standleitung zu Tiktok und Instagram, den inflationären Gebrauch der Worte „Brudi“, „Digger/Diggi“ und „Habibi“,  gefühlte siebenundzwanzigtausend Paar Sneakers vor jeder Tür, das hohe Aufkommen von Eastpak-Gürteltaschen an meiner Garderobe, Tabakkrümel auf meinem Sofa vom Selberdrehen und dass die Bäder permanent belegt sind.

Allein unter Teenagern: Bierpong | berlinmittemom.com

Es ist anstrengend, das Leben allein unter Teenagern. Ich merke, dass mein alterndes Gehirn nicht mehr über dieselben Filterkapazitäten verfügt, wie diese im Umbau begriffenen jugendlichen Gehirne. Ich kann nicht gut umgehen mit diesem nicht vorhandenen Zeitgefühl (ganz zu schweigen vom nicht existenten Zeitmanagement), mit den zig gleichzeitig geöffneten Tabs auf den Handys und parallel dazu in den Köpfen, mit dem Chaos, das sie umgibt wie eine Dunstwolke, die sie selbst gar nicht bemerken und die sie auch nicht zu stören scheint. Ab einem gewissen Geräusch- und Chaoslevel steigt allerdings mein Ruhebedürfnis exponentiell und ich möchte sogar die Kaffeemaschine anherrschen, sie solle leise sein oder den Geschirrspüler, der piept, um mir zu sagen, dass ich ihn ausräumen soll.

Aggregatzustand: Teenager

Ich glaube, es liegt gleichermaßen an der grundsätzlichen Daseinform des Teenies ansich sowie an meinem sehr leicht nach oben entgleisenden Stresslevel, dass sich an für mein Gefühl zu vielen, zu lauten, zu vermischten Geräuschen (Musik, Stimmen, Pushbenachrichtigungen, Tiktok…) festmacht, an Tumulten und dem Gefühl, mich in einem sich selber speisenden Strudel aus Unordnung zu befinden.

Die Energieressourcen sind außerdem einfach gegenläufig. Während die Teenies am Mittag noch pennen, habe ich schon zig Dinge erledigt und könnte mich zufrieden zurücklehnen und zum Beispiel etwas lesen, aber dann… stehen sie auf und bringen alles wieder durcheinander. Und während sie am Abend zur Hochform auflaufen und für egal was noch Lust und Power aufbringen, könnte ich einfach ins Bett gehen und schlafen. Signifikant vor Mitternacht. Ich muss einfach einsehen, dass die Schnittmengen bei all diesen Dingen nicht besonders groß sind.

Es ist – Liebe

Und doch… habe ich wieder das Haus voller hochgeschossener schlaksiger Menschen und bin mal wieder allein unter Teenagern. Und bei allem Chaos und Schlafmangel: ich liebe diese Energie, liebe all die Fragen, die sie sich stellen, liebe das laute und freie Lachen, liebe die Art, wie sie Dinge durchdenken, liebe, wie sie sich für die wichtigen und richtigen Sachen einsetzen, liebe, wie sie ihre Wege finden, sich ausprobieren, immer wieder bereit sind, sich neu auszurichten, liebe,  in welchem Tempo sie lernen und sich weiter entwickeln und liebe, wie sie streiten und darum ringen, ihre ganz eigene Position zu finden oder zu verteidigen.

Allein unter Teenagern | berlinmittemom.com

Als meine Kinder noch klein waren, habe ich nie verstanden, was Eltern von Teenies meinten, wenn sie sagten, wie cool es sei, große Kinder zu haben. Ich dachte, es ginge in erster Linie darum, dass man durchschlafen könnte (Spoiler: kann man n i c h t, wenn die Teenies nachts unterwegs sind!) und nicht mehr darauf achten muss, dass sie nicht zu viel Zucker zu sich nehmen oder vom Klettergerüst purzeln. Ich dachte, es müsste scheußlich sein, mitzuerleben, wie die eigenen kostbaren Kinder anfangen zu rauchen, Alkohol zu trinken oder Sex zu haben. Die Vorstellung war befremdlich für mich, als meine Kinder noch in dem Alter waren, wo ich sie in den Schlaf sang, ihnen Bücher vorlas oder mit ihnen am Wochenende Waffeln buk und Laternen bastelte.

Jetzt sind zumindest Teile meiner eigenen Kinder und alle Besuchsteenies in dem Alter, in dem sie legal die meisten dieser Dinge tun können – und was soll ich sagen? Ich habe mich nicht nur damit abgefunden, dass sie für all diese Dinge auf dem Papier erwachsen genug sind, ich kann sehr gut aushalten, dass sie auch tatsächlich diese Art Entscheidungen treffen, ganz ohne meine Konsultation. Selbst wenn diese Entscheidungen im Einzelfall vielleicht nicht schlau oder sogar blöd sein mögen. Sie brauchen mich nicht dafür, um ihnen das zu sagen oder zu bewerten, was sie tun. Ich kann bei all dem einigermaßen gelassen bleiben (und ja, ich werde immer besser darin) und es einfach so gut finden, mit meinem volljährigen Kind mal einen  GnT oder was anderes zu trinken. Ich mag es, dass ich sehen kann, welche Art von erwachsenen Menschen meine Kinder dabei sind zu werden. Ich mag diese jungen Erwachsenen, die da durchscheinen oder in vielen Aspekten eben auch schon voll da sind. Und ich mag, welche Art von anderen jungen Erwachsenen und Teenies sich meine Kinder aussuchen, um diese Phase gemeinsam zu erleben.

Allein unter Teenagern | berlinmittemom.com

Und mit diesem Gedanken im Kopf weiß ich wieder, warum ich mir auch in diesem Sommer ein Leben allein unter Teenagern ausgesucht habe und warum sie mir von früh bis spät auf die Nerven gehen dürfen: weil sie einfach wunderbar sind. Sie sind die besten und ich liebe sie. Meine eigenen natürlich ganz besonders, aber die anderen auch.

Und wenn die xte Playlist ballert, die ich einfach nicht gut finden kann und ich mich frage, warum ich schon wieder in dieser Situation bin, dann muss ich sie mir nur genau anschauen: wie sie in meiner Küche stehen und für uns alle kochen und dabei singen, wie jung und voller Ideen sie sind, angefüllt mit Leben bis zum Rand und so wunderschön… und ich bin hier mit ihnen, nicht mehr mittendrin, aber als Begleiterin mit auf ihrem Weg. Und das fühlt sich gut an.

12 Kommentare

  1. Wow, was für eine wunderschöne Liebeserklärung an Deine Teenies und Ihre Freunde, an diese Zeit allgemein! Bei uns fängt sie langsam an und Deine Gedanken nehmen wir Angst oder Bedenken und lassen mich mit viel Vorfreude darauf blicken… und ich nehme an, unser eigenes Gefühlskarussell dreht sich dabei nicht wesentlich langsamer als das der Teenies. Zwischen Liebe und Wahnsinn :-).
    Genießt Eure gemeinsame Zeit!

    • Liebe Susanne, genau das trifft es: unsere Gefühle in dieser wichtigen Lebensphase unserer Kinder sind ebenfalls nicht gerade klein. Oder leicht zu managen! Mir hilft es immer, mich daran zu erinnern, wie ICH mich gefühlt habe in diesem Alter. Und es hilft mir, mich auf mein Vertrauen in meine Kinder zu besinnen. Wir wachsen da rein, auch als Eltern. Aber wir wachsen immer gemeinsam mit unseren Kindern. Alles Liebe!

  2. Hallo Anna, ich LIEBE deine Morgenseiten. Was für eine tolle Idee. Und die heutige hat mich besonders berührt.
    Dein liebevoller, wertschätzender Blick auf deine Teenies fängt für mich gerade alles ein. Meine Tochter ist noch ‚klein‘, erst 8 Jahre alt. Und doch sind viele ihrer Fragen schon so groß. Und ich bin gespannt, wer sie einmal wird. Und ich selbst – Anfang 40 und inmitten aller Lebensanforderungen – wünsche mir manchmal, einfach wieder jung und gefühlt völlig frei zu sein. Und dann ist er da, der Blick auf den Zyklus des Lebens und das Bewusstsein, dass jeder Tag, jedes Alter, jede Phase einzigartig ist. Danke dafür.
    Sommergrüße aus Berlin, Sarah

    • Liebe Sarah, das schreibst du ganz richtig: wir fühlen uns immer im JETZT, in unserer ganz individuellen Lebenszeit, auch wenn wir wissen, dass es andere Perspektiven gab und gibt und (hoffentlich) geben wird. Die Aufgab, unsere Kinder zu begleiten zwingt uns, uns selbst anders zu betrachten, als zu der Zeit bevor wir Eltern wurden. Aber es gibt uns auch die Möglichkeit, bestimmte Phasen mit ihnen noch einmal zu durchleben. Sie aus der anderen Perspektive zu erfahren, zu fühlen, zu begreifen. Ich empfinde das (fast) immer als großes Geschenk. Alles Liebe für dich!

  3. Wow, du hast so bildlich Emotionen beschrieben, und so detailreich die Sache erfasst. Ich habe innerlich beim Lesen genickt, gelacht, war ein wenig traurig, dass diese Zeit bei mir im Haus vorbei ist. Danke für diesen trip down memory lane!

    • Liebste Barbara, eines (hoffentlich nicht allzu fernen) Tages werde ich dich gemeinsam mit Immi endlich mal zum Thema „empty nest“ und was dann kommt interviewen und dich dazu in unseren Podcast einladen. Kommst du? Liebste Grüße an dich!

  4. Wieder so schön! Ich liebe einfach deine Art so wertschätzend auch über die Dinge zu schreiben die dich anstrengen und den Blick auf deine und andere Kinder!

  5. Ich schließe mich den Worten von Barbara Haane an. Auch ich habe innerlich beim Lesen genickt, gelacht, bin ebenfalls ab und an ein wenig traurig, dass diese Zeit bei mir auch vorbei ist, mit allem Drumherum. Aber sie kommen – immer wieder – und gehen – und ich begleite und verwöhne sie mit Rat und Tat, Catering, Tipps, wo es passt, Austausch/Dialog, bin Heimat, Hafen und Konstante …… Es ist – LIEBE! Schöne Zeit und erlebe es, alles – und das Drumherum.

    • „Heimat, Hafen und Konstante“ – genau das ist es. Danke für deine lieben Worte und für das schöne Bild, wie Elternsein sein kann, wenn die Kinder aus dem Haus sind!

  6. Liebe, liebe, liebe diesen Text und freue mich durch ihn selbst schon drauf…. erst noch das jetzt hier genießen, denn ich hab wohl nicht mehr lang bis zum eigenen Sommer unter Teenagern. Danke für den Einblick, er nimmt mir ein wenig Angst vor der viel zu schnell fliegenden Zeit. Liebe Grüße, Marisa

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