Gestern radelten der Mann und ich zu zweit durch den Ort und redeten. Die Kinder hatten sich überlegt, den ganzen Tag am Stall zu verbringen und nur für eine Mittagspause (wo sie wie die achtköpfigen Fressraupen über den Kühlschrankinhalt herfielen) kurz einzuchecken. Die Große ist ohnehin übers Wochenende weg und kommt erst Montag zurück. Und weil es mir nicht so super ging und der Himmel sich hinter ziemlich vielen Wolken versteckte, bummelten wir hier so in den Tag. Mittagsschlaf, Ründchen zum Lieblingscafé für einen Cappuccino und dann eben noch ein bisschen Radeln und am Bodden rumspazieren, den kleinen Hund immer im Schlepptau.

Leben in Horden

Und währenddessen konnten wir uns in Ruhe unterhalten. Was in einer Familie von Fünf nicht selbstverständlich ist, wie viele wahrscheinlich aus eigener Erfahrung wissen.

Wir redeten darüber, dass wir als Eltern in der Unterzahl sind. Das sind wir ja seit der Geburt vom Goldkind rein zahlenmäßig sowieso; aber seit die Kinder alle groß sind und so sehr ihre eigenen Leben haben, fühlt es sich auch tatsächlich so an. Wir sind nicht länger einfach so die Bestimmer, weder über die Kinder selbst, noch über ihre Entfaltungen in unserem häuslichen Umfeld. Und wenn ich Bestimmer sage, meine ich keine autoritären Machtausübungen aus Prinzip, sondern die bisher gültigen Regeln unseres familiären Zusammenlebens.

Die Kinder nehmen mehr Raum ein als früher. Mehr Raum als wir. Da ist nichts mehr mit „in euren Zimmern spielen“ oder „ne Runde im Garten toben“ oder „mit dem Rad mal rüber in den Park“. Stattdessen sind sie alle drei sehr raumgreifend und sie treten gerne in Horden auf.

Sitzen in Horden am Tisch und vertilgen unfassbare Mengen an Vorräten. Nach der Schule schaffen der Lieblingsbub und seine beiden besten Kumpel beispielsweise gerne mal 750g Hafer Schoko Crunchy und eineinhalb Liter Milch, dazu jeder ein, zwei Bananen. Und das Herzensmädchen verbrät derweil in der Küche für Freundinnen eine halbe Packung Vollkorntoast als Grilled Cheese Sandwich in der Pfanne, dazu 500g Tomaten, 2 Mozzarella und einen Topf Basilikum. Wenn Spiegeleier ins Spiel kommen, ist es ganz aus.

Sie hängen in Horden auf dem Sofa rum, wo sie gemeinsam oder jede*r für sich in die diversen Social Media Kanäle auf den Handys glotzen und sich Memes zeigen. Oder schauen Netflix, bis ihnen die Serien aus den Ohren rauskommen. Oder (im Fall des Lieblingsbubs) zocken Fortnite und Fifa 21 auf der Xbox.

Liegen abends in Horden auf der Dachterrasse rum, wo Musik aus der Bluetoothbox ballert, schöne junge Menschen in bauchfreien Tops singen und tanzen und die Aschenbecher überlaufen. Oder halten sich alternativ dazu hier im Haus am Meer die halbe Nacht im Garten auf, wo die Wiese zum Schauplatz für Bierball-Turniere verkommt und mein kompletter Vorrat an Stumpenkerzen im Garten verteilt als Beleuchtung aufgestellt wird.

Und dann haben wir, wie bereits in meinem Artikel über das Leben allein unter Teenagern beschrieben,  zurzeit immer mindestens ein, meistens aber gerne auch mehr Kinder zusätzlich zu denen im Haus, die wir selbst gemacht haben. Die engeren Freund*innen unserer Kinder.

Ich erwähnte es bereits: ich liebe diese jungen Menschen von Herzen. Ich rede gerne mit ihnen, ich finde sie witzig und interessant und freue mich an ihren erwachenden Geistern und ihren Ideen vom Leben und dem Sinn darin. Speziell diejenigen, die meine Kinder sich aussuchen, um sich eng mit ihnen zu befreunden oder sich gar in sie zu verlieben, haben einen besonderen Platz in meinem Herzen.

Über die Freundinnen meiner Kinder | berlinmittemom.com

Am Rande des Geschehens: Eltern in der Unterzahl

Aber wir sind in der UNTERZAHL, der Mann und ich! Ständig!

Als wir gestern da so schön zu zweit vor uns hin spazierten, wie alte Leute das nun mal tun (jetzt, wo wir auch noch einen Hund haben, wird das Klischee immer sichtbarer – fehlen nur noch die Funktionsjacken im Partnerlook!), sprachen wir genau darüber.

Dass wir beide oft am Rande dieses ganzen Lebens hier grade noch so stattfinden. Dass wir die zwei Alten sind, die mit vier oder fünf Teenies im Schlepptau abends an der Beachbar auftauchen und alkoholfreie Cocktails für alle spendieren, während die Kiddies Selfies machen, sich zum Sonnenuntergang noch mal in die Ostsee stürzen und Händchenhalten. Dass wir den Platz auf der Couch während eines Filmabends an kuschelnde Teenietrauben verloren haben und ganz freiwillig in den Ohrensesseln sitzen mit unserem Rotwein, wo wir wenigstens ein bisschen Ruhe haben. Immerhin räumlich. Waldorf und Statler quasi. Dass wir nachts die Handys am Bett liegen haben und nicht ausschalten, weil möglicherweise eins unserer Kinder oder eine*r ihrer Freund*e*innen sich melden könnte und Hilfe bräuchte. Und dass sich das alles manchmal anstrengend anfühlt und auch richtiggehend nervig.

Aber wir waren uns auch vollkommen einig, dass wir es nicht anders würden haben wollen. Wir möchten, dass unsere großen Kinder sich immer sicher sein können: die Menschen, denen sie ihr Herz schenken, sind in ihrem Zuhause immer willkommen. Sie dürfen sie jederzeit einladen, sie können hier essen, trinken, übernachten und Zeit verbringen. Sie dürfen hier genauso sein, wie sie sind. Sie dürfen sein, wer sie sind. Niemand muss sich verstellen oder etwas vortäuschen. Sie sind willkommen.

Der sichere Ort für uns alle

Denn diese Familie, unser Haus, unser Heim – ist unser sicherer Ort, den wir alle mit den Menschen teilen, die wir lieben oder die etwas brauchen, das wir bereitstellen können: Platz, einen Ort zum Zuhören, einen Ort zum Loslassen, einen Ort um sich angenommen zu fühlen. Ob das der Freund ist, der nach einer schmerzhaften Trennung das Gästezimmer ein paar Tage braucht. Oder die Nachbarin, deren Hund gerade eingeschläfert werden musste und die nicht alleine sein möchte. Oder das Patenkind, das für die Orientierungswoche an der Uni ein Bett und ein bisschen Anschluss braucht. Oder die kleine Familie aus Afghanistan auf der Suche nach einer neuen Heimat. Unsere Kinder kennen es nicht anders.

Und in derselben Weise, in der der Mann und ich diesen sicheren Ort teilen, tun sie es eben auch. Sie haben jedes Recht dazu. Ich sprach neulich mit einer Freundin darüber, die sagte, sie könnte das so schlecht aushalten, wenn die Freund*innen ihres Sohnes ihr Heim bevölkern würden. Und ich verstehe das total, ich kenne genau dieses Gefühl, dass man alle einfach aus der eigenen Bude rausschmeißen will mit ihren Millionen von Sneakers und der schlechten Musik und den leeren Milchflaschen, die einfach wieder zurück in den Kühlschrank gestellt werden. Dass man sie verschwinden lassen möchte und die eigene Komfortzone wieder heile wäre.

Aber für den Mann und mich ist das keine Option. Wo sollen unsere Kinder denn bitte ausleben dürfen, sich außerhalb des Familienverbundes an andere Menschen zu binden und sie voll in ihr Leben zu lassen, wenn nicht hier? Wie sollen sie denn die Dinge einüben, die wir ihnen vorgelebt haben, all die Werte, an denen uns so viel liegt, wenn wir ihnen verbieten würden, ihre Freund*innen herzubringen? Sie einzuladen, mit ihnen zu essen, zu sprechen, zu feiern, zu lachen und zu weinen? Ihnen nahe zu sein?

Und ein letzter wichtiger Punkt dabei, über den wir beide uns einig waren: wir interessieren uns für die Menschen, die unsere Kinder sich aussuchen. Ich möchte gerne wissen, was sie an diesen Freund*innen so lieben, dass sie so viel Zeit mit ihnen verbringen möchten. Ich möchte sie zumindest so gut kennenlernen, dass ich mir ein Bild davon machen kann, was es ist, das meine Kinder an ihnen anzieht – und umgekehrt. Nicht immer verstehen wir das, bei weitem nicht immer. Aber sehr oft kann ich in den Freund*innen meiner Kinder sehen, welche stumme Frage da vielleicht gegenseitig beantwortet wird. Und das hat jede Berechtigung der Welt.

Ich muss ja nicht dabei sein. Ich muss kein Bierball spielen und Fortnite oder bergeweise Sandwiches essen oder eklige Mische aus Cola und billigem Rum trinken. Ich kann das aus der Ferne betrachten, darauf achten, dass die Grundregeln des Zusammenlebens hier weiterhin beachtet werden und ansonsten mit meinem Mann und dem kleinen Hund einfach ein bisschen spazieren gehen. Allein im Strandkorb sitzen und Rosé trinken. Ein Ründchen mit dem Fahrrad drehen. Durchatmen. Mich über die Ruhe freuen, für eine kleine Stunde oder so.

Bevor wir zurückmüssen in das Haus der Horden.

 

Kurzer Nachtrag: was ich hier über das Leben in Horden beschreibe, sind Momentaufnahmen. Ich denke, das ist jedem klar. Wir sind mitten in einer Pandemie und sind es seit eineinhalb Jahren. Natürlich haben wir während der Lockdowns keine Kuscheleien auf dem Sofa und Partys auf der Dachterrasse gestattet. Stattdessen haben wir uns isoliert, so gut es ging und die Kinder ebenfalls. Sie waren lange genug auf uns zurückgeworfen – jetzt, seit die Zahlen endlich mal eine Weile niedrig waren/sind, haben wir mithilfe von regelmäßigen Schnelltests all das erlaubt, auf was sie so lange verzichtet haben. Und das ist besser als gut so.

Last Updated on 9. August 2021 by Anna Luz de León

8 Kommentare

  1. Wunderbar geschrieben!! Steht meinem Mann und mir noch bevor und ich liebe deine Sicht auf diese Seite und auf die Herausforderungen des Elternseins.
    Vielen Dank dafür! Liebe Grüße Juliane

    • Das freut mich. Es macht halt auch ganz ehrlich einfach sehr viel Spaß, bei allen anstrengenden Aspekten. Ist eine schöne und intensive Zeit mit unseren Kindern, wir versuchen, sie zu genießen. Und das werdet ihr auch!

  2. … liebe Anna,
    ich musste beim Lesen so sehr an deinen „Warum ist hier eigentlich immer alles erlaubt?!“-Text denken … an den ich mich immer erinnere, wenn die Horden HIER einfallen … und das ist nun die erweiterte Antwort dazu … aus dem Herzen direkt in den Bauch – wie immer DANKE fürs teilhaben lassen

  3. Ganz toll geschrieben.
    Ich habe als Mama von Kleinkindern gerade ein intensives ambivalentes Gefühl, denn gerade noch war ich dieser Teenager im Haus meiner Eltern gewesen. Und ich kann mich schon ein bisschen in die Rolle der Teenager Mama hinein versetzen und wünsche meinen Kindern genau solch ein Zuhause, wie ich es hatte.

    • Das ist die beste Voraussetzung, glaube ich: wenn man sich da selbst noch so gut erinnert und genau weiß, wie toll es war, so aufzuwachsen.

  4. Was für ein schöner Text! Hier hat sich der Teenie-Sohn in der Pandemie vor den PC verzogen und trifft die Freunde überwiegend online, das macht mir solche Angst und Bauchschmerzen, aber wenn ich ihn lachen und reden höre und ihn erlebe, wenn er sich doch mal losreißen kann, ist das schon okay. Es gibt noch reale Freunde und auch Treffen mit denen. Die Teenie-Tochter ist total verstummt in den Monaten alleine vor dem PC, sie erwacht erst langsam zu dem Kind, das sie mal war und auch das ist schlimm anzusehen. Freunde, FreundInnen, Kumpels, Bekannte, hier dürfen viele kommen, gehen, bleiben, essen, reden aber dieses miese Pandemie macht eben doch vieles unmöglich. Aber dieses Bild, das Du hier beschreibst ist wunderbar und gibt so viel Hoffnung, dass es Heimathäfen für viele Teenies gibt, deren Eltern so toll sind, so tolerant, interessiert, vielen Dank für diese berührenden Worte!

  5. Pingback: Was ich vermisst habe | Morgenseiten vom Darß 28/34 | berlinmittemom

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