Ich bin 49 Jahre alt und habe drei Teenager. Und als ich eben meinen ersten Morgenkaffee, nachdem hier die erste und die zweite Schicht des Tages erledigt war, ging es mir durch den Kopf: es geht in meinem Leben mit Teenagern permanent ums Aushalten.

Leben mit Teenagern: Wenn der Ausnahmezustand den Alltag bestimmt

Ich halte es seit Jahren aus, dass hier immer mindestens zwei Gehirne im Umbaumodus sind und deshalb Alltagsdinge einfach nicht klappen können, wie zuvor. Routinen zerschossen von neurologischen Prozessen.

Ich halte aus, dass ich, seitdem die Kinder in der weiterführenden Schule sind bzw. waren, ich ständig mit Lehrer*innen umgehen muss, die meine Kinder (und alle anderen Kinder wahrscheinlich ebenso) nicht erkennen. Die ständig am Mangel herumdoktern, statt die Stärken zu sehen und zu fördern. Oder einfach mal anzuerkennen. Mit denen viele Gespräche über meine Kinder auf ein „aber“ hinauslaufen, dem ich dann etwas entgegenhalte. Immer aufs Neue. Jahrelang. Nicht alle Lehrer*innen, natürlich nicht, zum Glück. Aber das System Schule ist so.

Ich halte aus, dabei zuzuschauen, wie meine Kinder in typische Situationen des Heranwachsens geraten und in die damit verbundenen emotionalen Abgründe stürzen, ohne, dass ich präventiv etwas dagegen tun kann. Dass ich ihnen nichts ersparen kann, weil ich ihre Erfahrungen nicht für sie machen oder sie vorwegnehmen kann. Ich muss sie sie selbst machen lassen, mit allen Konsequenzen.

Ich halte die schlaflosen Nächte aus, in denen ich nicht weiß, ob die Kinder okay sind. Ich halte es aus, sie nicht zu stalken oder ihnen hinterher zu telefonieren, weil ich mir bewusst bin, dass sie mein Vertrauen brauchen und meine Überzeugung, dass sie allein zurechtkommen. Damit sie genau das können.

Ich halte die Berge von Kleidung auf dem Fußboden aus, die nächtlichen Sandwichgelage und ihre Spuren, die lauten Teenagerversammlungen im Garten, unter dem Basketballkorb, auf der Dachterrasse, in den jeweiligen Zimmern. Die Berge von Schuhen vor der Haustür und den ständig leergefressenen Kühlschrank. Das Haus der Horden.

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Ich halte aus, dass hier mehr Tiefkühlpizza als Salat konsumiert wird und dass die vegetarischen Bemühungen in dieser Familie regelmäßig wieder am Dönerstand zum Erliegen kommen.

Ich halte all die Widersprüche aus, die im Verhalten meiner Kinder liegen. Die Gemütsschwankungen und plötzlich auftretenden Ängste genauso, wie das scheinbar übersteigerte Selbstbewusstsein, mit dem sie Wahrheiten postulieren, die dann vielleicht nicht allzu lange Bestand haben. Manche aber eben doch.

Wenn es um alles geht

Ich halte ihre Entscheidungen aus, die sie für sich treffen und die ich nicht gut finde oder sogar grundfalsch, aber es sind ihre Entscheidungen und ich muss sie sie treffen lassen. Und wenn diese „nur“ Haare, Klamotten, Piercings und Tattoos betreffen, bin ich froh. Aber sie betreffen auch das Fahrradfahren ohne Helm, den sie plötzlich absetzen, nachdem wir jahrelang über die Gefahren aufgeklärt und ihnen das helmlose Radeln verboten und ihnen immer vorgelebt haben, dass man immer immer immer einen Helm tragen muss. Und es betrifft den Konsum von Alkohol und möglichen anderen Substanzen, über den wir sie aufgeklärt haben und über den sie letztlich irgendwann selbst entscheiden.

Ich halte auch die Wahl der Menschen aus, die sie sich aussuchen. Die meisten davon sind wundervoll, zauberhaft, ich liebe sie und verstehe, wieso meine Kinder sie sich ausgewählt haben. Einige sind einfach nicht mein Fall, aber immer noch vollkommen okay. Aber vereinzelte Exemplare sind/waren in meinen Augen nicht gut für meine Kinder, da ist vielleicht was Toxisches in den Freundschaften oder es gab andere Warnzeichen und Aspekte in den Verbindungen, die mich haben aufhorchen oder gruseln lassen. Und doch… nicht meine Entscheidung.Leben mit Teenagern, The Teenie Chronicles, Elternwissen Pubertät

Ich halte aus, dass meine Kinder mir Dinge erzählen, die ich vielleicht lieber nicht wüsste. Nicht nur über sich selbst, sondern auch über andere Menschen und das, was ihnen widerfährt. Über Ereignisse und Begegnungen, die sie sehen und erleben, wenn sie sich durch die Stadt bewegen. Verstörendes, Trauriges, Aufschreckendes. Ich habe von Gesprächen über K.O.-Tropfen, drogeninduzierte psychotische Zustände, Vergewaltigung, Vernachlässigung, seelische und körperliche Gewalt, Mobbing in jeglicher Form bis zur Suizidalität und Selbstverletzung wahrscheinlich schon alles gehört, was Eltern die Haare zu Berge treibt.

Ich halte aus. Darum geht es. Nicht Auszuflippen. Nicht über zu reagieren. Erstmal zu atmen, ausführlich. Und zuzuhören. Da zu sein.

Aushalten. Den Rahmen halten. Den Kokon verlassen.

Denn das Aushalten ist nur eine Facette meines Lebens mit Teenagern. Es steht am Anfang oder ist vielleicht so etwas wie das Leitmotiv dieser Lebensphase. So, wie wir das Schreien unserer Neugeborenen aushalten müssen, ohne es ständig reflexartig beenden zu wollen, weil wir es als Beweis unseres Scheiterns ansehen, müssen wir mit Teenagern aushalten, dass sie sich quasi häuten.

Sie kommen aus dem Kokon ihrer sicheren Kindheit und setzen dabei alle bisherigen Regeln außer Kraft. Diese Regeln waren wunderbar! Sie haben unseren Alltag rhythmisiert, sie haben uns als Familie Sicherheit gegeben, denn sie haben den Rahmen bestimmt, innerhalb dessen wir uns stetig weiter entwickeln konnten. Es gab die Schule, die freie Zeit und die Familie. Es gab Essens- und Schlafenszeitrituale. Es gab wiederkehrende Fixpunkte im Alltag, die uns Orientierung gegeben haben.

Aber dieser Kokon ist zu eng und zu klein geworden. Er lässt unseren größer werdenden Kindern nicht genügend Bewegungsfreiheit und nicht mehr genug Raum für ihre individuelle Entwicklung. Er muss von unseren Teenagern aufgebrochen werden. Sie müssen ihn verlassen und sie müssen auch uns auf eine Art zurücklassen, die wir den Kokon behütet und dafür gesorgt haben, dass er Bestand hat. Denn der Kokon hat ausgedient.

Vom Aushalten. Leben mit Teenagern | berlinmittemom.comVom Aushalten. Leben mit Teenagern

Wir halten das also aus. Tag und Nacht, immer aufs Neue. Und übrigens auch mit jedem Kind aufs Neue. Und dabei hören wir zu und wir reden und berufen uns auf alles, was wir im Kokon gemeinsam erschaffen haben. Denn Aushalten heißt nicht, dass wir nicht gestalten können. Es heißt nicht, dass wir nicht eingreifen können. Und es heißt vor allem nicht, dass wir nicht mehr gebraucht werden.

Wir halten zuerst aus. Immer. Dann halten wir den Rahmen. So gut wir können. Und dann bleiben wir an ihrer Seite. Mit allem, was uns ausmacht.

Da bleiben, wenn’s stürmisch wird

Für mich ist es so: ich gebe meinen großen Kindern Ratschläge, wenn sie mich danach fragen. Ich verschone sie nicht mit meiner Meinung, wenn sie sie hören wollen. Egal, ob es dabei um Haare oder Klamotten oder den Helm beim Radfahren oder den Konsum von Substanzen oder Sex oder die Auswahl der Menschen in ihrer Nähe geht. Und ich helfe ihnen, wenn sie meine Hilfe brauchen.

Ich halte es aus, nachts angerufen zu werden, um loszufahren, betrunkene Kumpels abzuholen und sicher nach Hause zu bringen. Ich halte es aus, mit der Mitschülerin zu telefonieren, deren Freund nachts in die Psychiatrie gebracht werden musste, weil er auf Acid dachte, er könnte aus dem Fenster im 3. Stock springen und schweben. Ich halte es aus, dass eine Freundin übergangsweise bei uns strandet, weil die Eltern Stress machen und sie nicht weiß, wohin. Ich halte es aus, dass junge Menschen sich hier anlehnen, an meine Kinder, an unser Zuhause, die Familie, an Hund und Katz, an mich.

Es ist anstrengend außerhalb des Kokons. Es kann kalt sein, gruselig, überfordernd. Alle Regeln müssen hinterfragt und neu geschrieben werden. Manche werden sich verfestigen, andere werden aussortiert. Alles entsteht neu.

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Aber genau das ist auch wunderschön. Und all das Schöne macht es jeden Tag wieder sinnvoll, den Kokon zu verlassen. Für uns und für unsere Teenager. Es gibt ihnen den Antrieb, weiterzugehen. Sich aufzurichten, sich neu auszurichten, wenn sie etwas bewältigt haben. Allein. Aber eben doch nicht allein. Wenn sie erfahren dürfen, dass sie immer noch von all dem zehren, das sie im Kokon gelernt haben. Dass sie sich darauf verlassen können. Dass alles, was sie brauchen, in ihnen selbst zu finden ist. Dass sie nicht alleine sind, sondern getragen werden von allem, was in all den Jahren zuvor in ihnen verankert wurde.

Denn wir halten aus. Gemeinsam. Wie immer schon. Nur eben jetzt ohne Kokon. Ist stürmisch mitunter. Abenteuerlich. Beängstigend. Und wundervoll. So fühlt sich das Leben an in diesen Zeiten. Auch für mich, aber vor allem für meine Teenager.

 

Mehr meiner Artikel über das Leben mit Teenagern findet ihr hier:

Was wir als Eltern für unsere Teenager sein können

Über Selbstwertgefühl von Mädchen in der Pubertät

Elternsein mit großen Kindern

Was Teenager brauchen Part 1

Was Teenager brauchen Part 2

4 Kommentare

  1. Liebe Anna,

    vielen Dank für Deinen Text, aus dem viel Liebe und Großzügigkeit spricht!
    Wir haben zwei Kinder, die noch etwas jünger sind (11 und 13 Jahre) und wohnen in einer eher “kleinen” Großstadt (Freiburg) – von daher ist die Situation etwas anders, aber ich sehe dennoch Parallelen. Unsere Kinder sind sicherlich nicht überbehütet, aber ich finde das “Aushalten” von dem Du sprichst, sehr schwierig, gerade wenn man sieht, dass es einem Kind auch einmal schlecht geht. Noch ist es so, dass die Kinder viel erzählen, wenn es ein Problem gibt, aber auch nicht alles mit uns Eltern besprechen wollen, was auch normal ist. Was mir etwas Sorge bereitet, ist der Gruppendruck in manchen Dingen, wie z.B. dass das äußere Erscheinungsbild und wie dieses optimiert werden kann (Mode, Figur etc.) bei vielen Teenagern eine so große Rolle spielt.
    Ich hoffe sehr, dass wir die Kinder wirklich unterstützen können in schwierigen Situationen und wünsche mir, dass sie dann auch rückblickend einmal sagen können, dass sie hier insgesamt keine schlechten Erfahrungen mit ihren Eltern gemacht haben…

    Liebe Grüße aus dem sonnigen Südwesten!
    Barbara

    • Liebe Barbara, das kann ich 1:1 nachfühlen. Ich finde diese Phase so heikel, gerade weil der Gruppendruck zunimmt bzw die Bedeutung dessen, was innerhalb einer Gruppe als akzeptiert gilt und was nicht für die Kinder nochmal zunimmt. Wo ein 10jähriges Kind noch sehr selbstbewusst auslebt, was es wirklich fühlt, ist das für ein 12- oder 13-jähriges Kind ungleich viel schwerer. Und mit jedem Jahr wird es erst noch ein bisschen schwerer, bevor es dann irgendwann wieder leichter wird. Ich glaube, was wir als Eltern tun können, ist dranbleiben. Mit ihnen aushalten. In Kontakt bleiben. Die Dinge sicher und verlässliche gestalten, die in unserer Macht liegen. Großzügig sein, wenn sie uns gegenüber über die Stränge schlagen. Und das tun sie auf die ein oder andere Art alle. Vielleicht das Wichtigste: ihnen vertrauen. Auf all das vertrauen, was wir ihnen in all den Jahren zuvor vorgelebt und beigebracht haben. Jetzt muss es sich bewähren. Aber natürlich müssen wir auch sehr aufmerksam sein, denn gerade diese Teeniejahre sind so heikel, was die Gefühlswelt angeht. Im weitern Umfeld meiner Kinder gibt es einige Kids, die mit Drogen abgestürzt sind oder andere Grenzerfahrungen machen wollten. Ich denke, da muss man als Eltern unwahrscheinlich gut aufpassen, damit nichts Unwiderrufliches passiert. So gruselig das klingt. Doch ich denke, die allermeisten Kids durchlaufen diese Phase weitgehend unbeschadet. Raus aus dem Kokon und rein ins eigene Leben – das erfordert Mut, Vertrauen und einen guten Leuchtturm zur Orientierung. Das sind dann wohl wir. :-)

  2. Liebe Anna.
    Wie schön von dir zu lesen. Ich habe deine Worte vermisst.
    Ich bin auch Mama von drei Kindern. Noch in den “kleinen Jahren” von 6,4 und 1. Deine Artikel sind für mich immer Ausblicke in die zukunft. Erden mich,lassen mich die Zeit jetzt nochmal besonders genießen.
    Alles liebe
    Aino

  3. Vielen Dank! Schön, dass Du wieder schreibst. Ich hab Deine Texte in den letzten Monaten sehr vermisst

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