Familienurlaub hat viele Aspekte. Wir haben mehr Zeit für gemeinsame Mahlzeiten, wir machen mehr miteinander, mehr Quatsch und mehr Sachen, die uns wichtig sind oder die wir teilen. Und wir reden mehr. Das alles wiederum bedeutet auch – wir streiten mehr. Streit im Familienurlaub? Wie kann das sein? Sollten wir nicht tiefenentspannt und glücklich die Zeit miteinander genießen? Ehrlich, das tun wir. Aber es kracht auch ab und zu ganz gewaltig.

Streit im Familienurlaub: wieso, weshalb, warum?

Das ist tatsächlich so. Je älter die Kids werden und je komplexer ihre Bedürfnisse sind, umso mehr Potential gibt es, aneinander zu geraten. Als sie klein waren, haben sie nicht viel hinterfragt. Sie haben unsere Entscheidungen mehr oder weniger einfach so hingenommen und sich damit arrangiert, egal, ob es um die Auswahl des Urlaubsortes ging, um die Art und Weise, wie wir die Ferien verbringen oder mit wem, um die Mahlzeiten oder Schlafenszeiten und natürlich auch um die Gestaltung der freien Zeit. Das hat sich im Laufe der Jahre ohnehin schon alles geändert und wir diskutieren mehr, weil mehr Meinungen mit in die Entscheidungen einfließen.

Kubb spielen am Strand | berlinmittemom.com

Was Familienferien aber außerdem noch mit sich bringen, ist mehr Potential für „Krach“, im puren Wortsinn aber auch im übertragenen Sinn. Fünf Menschen, die ununterbrochen zusammen sind, machen mehr Lärm, aber sie haben auch mehr Rede- und Diskussionsbedarf als im Alltag. Denn im Alltag hat jeder seinen Bereich, der klar von dem der anderen abgegrenzt ist: die Klasse in der Schule, der Arbeitsplatz, der Freundeskreis, das eigene Zimmer zu Hause… Hier in den Ferien sind wir permanent zusammen, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Auch das macht „Krach“.

Meine Zeit, deine Zeit: die Kinderpersönlichkeiten knallen gegeneinander

Bei uns kommt erschwerend hinzu, dass die Kinder ein und dasselbe Hobby haben. Was einerseits wunderschön und verbindend ist, macht es ihnen andererseits schwerer, sich abzugrenzen und ihr Bedürfnis nach Individualität zu stillen. Jeder Mensch möchte gerne er selbst sein – wenn die Kinder aber in einer bestimmten Lebensphase sind, ist dieses Selbst noch dabei, sich auszuprägen. Das macht es für sie besonders wichtig, die individuellen Stärken und Neigungen für ihr eigenes unverwechselbares Profil zu betonen. Wenn die Geschwister dann genau das gleiche machen, wird es schwieriger mit der Individualität oder es entsteht sogar eine gewisse Konkurrenz. Hier betrifft das gerade die beiden Jüngeren.

Es fällt den Kindern nämlich mitunter durchaus schwer, sich vorbehaltlos gegenseitig zu unterstützen oder stolz aufeinander zu sein, ohne sich zu vergleichen. Das hat Potential für Geschwisterstress – und den gibt es dann auch.

Sie kommen also vom Reiten und kabbeln sich. Wer was kann oder wen besser reitet. Welches Kind mit welchem Pferd zurechtkommt und welches nicht. Wer was schon „darf“  und wer nicht. Wer sich mit welchen anderen Kindern am Stall besser versteht. Schon wird innerhalb kürzester Zeit aus Gekabbel echter Streit.

Sonnenuntergang auf dem Darß | berlinmittemom.com

24/7 Bedürfnisbingo im Urlaub

Und dann komme ich ins Spiel. Nichts, wirklich nichts in meinem Muttersein bringt mich so an meine Grenzen und auf die Palme, wie Geschwistergezänk. Diese Hemmungslosigkeit, mit der Geschwister sich streiten, ist furchtbar! Ich weiß, dass das normal ist und ja, ich erinnere mich gut an meine Kindheit und an meine Streitereien mit meinem heißgeliebten Bruder, daher ist mir auch klar, dass das Gezanke nichts über die Innigkeit der Bindung aussagt. Aber es macht! Mich! Alle!

Wenn die Kinder verbal aufeinander losgehen, sehe ich rot. Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn sie sich gegenseitig runterputzen, sich mit ekelhaften Schimpfwörtern belegen (und ich kann berichten, hier ist mitunter ein Vokabular unterwegs, das jeden Gangsterrapper erblassen lassen würde!) oder sich einfach aus Prinzip gegenseitig nicht das Schwarze unterm Fingernagel gönnen. Ich weiß, dass sie sich lieben, das steht außer Frage, aber wenn es einen „Anlass“ gibt, sich zu streiten, könnte man meinen, sie haben keinen ärgeren Feind als genau dieses eine Geschwister, mit dem es sich jetzt zu fetzen gilt. Und dann platzt mir die Hutschnur und – die nächste Variante von Krach in den Familienferien tritt zutage: Mama brüllt.

Mein Bedürfnis geht nämlich nach Ruhe und Stille, nach Lesen im Strandkorb und kontemplativen Schwimmen in der Ostsee und nicht nach Ringrichteraktivitäten zwischen Reitstiefel schmeißenden Mini-Wrestlern. Ich verzweifle also und keife die Kinder an, während ich mich über mich selbst ärgere und mir gleichzeitig leidtue, weil ich es nämlich außerdem nicht so recht schaffe, aus dem Servicemaschinenmodus rauszukommen, obwohl ich Ferien habe.

Aus dem Schimpfen mit den zänkischen Kids wird also meinerseits schnell auch Genörgel, weil ja doch wieder I C H diejenige bin, die trotz Ferien einkauft und kocht und Wäsche wäscht (und aufhängt und abnimmt und zusammenlegt…) und natürlich auch am meisten aufräumt oder Sand wegfegt, der aus den Badesachen rieselt. Also mache ich allen Vorwürfe und schimpfe und finde alle doof und verantwortungslos und alle schimpfen zurück und fühlen sich ungerecht behandelt.

Und schon sind wir mitten drin im Ferien-Bedürfnis-Bingo und es kracht wieder.

Die Kollision: wenn jeder etwas anderes will und nichts unter einen Hut passt

Und dann kommt der Mann. Nachdem wir hier schon drei Wochen alleine sind, hat er endlich auch Urlaub und kommt gut gelaunt und auch echt urlaubsreif hier an. Er freut sich auf Strandspaziergänge mit mir, auf Radtouren und Grillabende, auf Zeit mit den Kindern und natürlich auch aufs Lesen im Strandkorb und das kontemplative Schwimmen im Meer.

Sonnenuntergang auf dem Darß | berlinmittemom.com

Währenddessen erhoffe ich mir von seiner Anwesenheit nicht nur romantische Sonnenuntergangsspaziergänge, sondern auch mehr Freiheit für mich. Zeit zum Schreiben und Lesen, jemanden, der sich auch mal zwischen die Zankäpfel wirft, wenn sie aufeinander losgehen und jemanden, der sich ebenfalls verantwortlich fühlt für die Wäsche, den Einkauf, die Sandbeseitigung. Merkt ihr? Kollidierende Bedürfnisse!

Die Kinder wiederum haben ebenfalls Ansprüche an ihren Vater. Sie wollen, dass er mit ihnen all das macht, was er im Alltag oft aufgrund seiner häufigen Abwesenheit nicht schafft: kuscheln, reden, ihm Dinge zeigen, die ihnen wichtig sind. Gleichzeitig wollen sie sich auch reiben, sie wollen, dass er sie sieht und sich auseinandersetzt. All das geht nicht ohne weiteres unter einen Hut.

Denn da ist auch noch der Teenie. Wir wollen was unternehmen – sie will ausschlafen. Wir wollen abends gemeinsam essen – sie möchte mit ihren Freundinnen losziehen. Wir wollen eine Radtour machen – sie will mit ihrem Freund am Strand bleiben und braun werden. Und wenn wir schlafen wollen, liegt sie mit ihrer Freundin auf der Wiese unter unserem Fenster, quatscht endlos und hört laut Musik. Auch diese Liste von kollidierenden Bedürfnissen ließe sich endlos fortsetzen und führt immer wieder zu Streit im Familienurlaub.

Was tun?

Was hilft bei Streit im Familienurlaub?

Tatsächlich ist der Familienurlaub bei uns immer die Zeit, in der wir so deutlich wie selten im geschäftigen Alltag die eigenen Bedürfnisse spüren und zugleich die der anderen überdeutlich sehen. Was hilft also?

Das, was immer hilft.

  • Lass Fünfe gerade sein! Lassen wir einander ein bisschen Platz, ein bisschen Raum für die verschiedenen Bedürfnisse. Was soll schon sein, wenn der Teenie nicht bei allem dabei ist, was wir so machen? Was passiert denn Schlimmes, wenn wir alles mal entzerren und auch jeder mal sein eigenes Ding macht? Nichts. Genau. Insofern…
  • Let it go! Die eigenen Erwartungen ein bisschen loszulassen und stattdessen in anderen, gar nicht erwarteten Situationen ein bisschen Glück und Entspannung zu finden, hilft ungemein. Ich bin da oftmals nicht so wahnsinnig gut drin, aber ich übe!
  • Finde die Stille! Das ist mal gar nicht so einfach, wenn zwei Preteens sich fast kloppen oder die schlechteste Musik auf dem Planeten gerade die Untermalung der Duscharien im Bad darstellt. Ich finde die Stille dann nur, wenn ich weggehe. Wozu bin ich schließlich im Urlaub? Ab aufs Rad und eine Runde durch die Wiesen oder den Wald fahren, hilft ungemein.
  • Locker bleiben! Es gibt keine Urlaubsgesetze, die wir einhalten müssten, ganz im Gegenteil. Dann gibt es eben nicht dauernd selbstgekochte, selbstkreierte vollwertige Mahlzeiten, sondern wir erfüllen den Kindern den Wunsch nach Crêpes am Strand und bleiben im Strandkorb sitzen, bis der Himmel sich rosa verfärbt. Mit Sand an den Füßen aufs Rad, ein Fischbrötchen auf die Hand und schon ist der Urlaubstag perfekt.
  • Großzügig sein. Auch das ist kein exklusiver Tipp für Streit im Familienurlaub, sondern etwas, das uns auch und gerade im Alltag helfen kann. Verständnis für die Bedürfnisse der anderen aufbringen, liebevoll bleiben und auch mit sich selbst großzügig sein – das entspannt die Lage ungemein.
  • Reden. Verständnis ist keine Einbahnstraße sondern beruht auf Gegenseitigkeit. Wir müssen die Dinge besprechen und beilegen, nicht immer, aber regelmäßig. Ich finde es wichtig, das in der Familie immer wieder zu üben: miteinander sprechen, versuchen, die Sichtweise des anderen zu verstehen oder nachzuvollziehen, einen Kompromiss finden. Das allerdings halte ich für einen langen  Lernprozess innerhalb der Familie, der nicht exklusiv nur im Urlaub stattfinden kann…
  • Humor! Ganz ehrlich, ohne Humor würde ich nicht überleben. Und die komische Seite von etwas zu sehen, macht mich persönlich gleich lockerer. Groteske Situationen entstehen ohnehin schnell genug in der Familie und gerade wir Eltern machen  uns oft genug zum Drops – viele Anlässe, um einfach loszulachen. Es hilft, wenn wir uns selbst nicht dauernd allzu ernst nehmen. Und gemeinsam zu lachen, entschärft jede noch so angespannte Situation, die zum Streit im Familienurlaub eskalieren könnte.

Strandkorb im Sonnenungergang | berlinmittemom.com

Es ist, wie es ist. Wir sind Menschen, wir machen Fehler. Wir sind irrational und wir streiten. Und eine Familie ist ein soziales Gefüge, das sich ständig ändert, weil die einzelnen Familienmitglieder sich verändern. Wir wachsen. Wir entwickeln uns. Und damit ist das Gefüge immer wieder unter Spannung und bietet allerhand Möglichkeiten für Auseinandersetzungen, Stress und Krach. Streit im Familienurlaub? Ist genauso „normal“ wie Streit im Alltag. Wir müssen ihn aushalten, ihn beilegen, ihn loslassen und dann – gemeinsam weiter gehen. Wir dürfen daran nur nicht die Qualität unserer Familienzeit in den Ferien messen. Dann ist alles gut.

Ich wünsch allen Ferienfamilien eine entspannte Zeit zusammen. Und wenn’s mal kracht – einfach weitermachen.

6 Kommentare

  1. Ich würde mir deinen Text am liebsten ausdrucken und überall hinkleben. Danke! ♡

  2. Danke dir für diese weisen Worte, liebe Anna! Ich wünschte, ich hätte sie VOR unserem Urlaub gelesen…

    • Toll geschriebener Artikel und so viel Wahres dran.
      Wir waren dieses Jahr zu viert unterwegs, Mama, Papa, kleine Maus (2,5) und großer Hund.

      Tagsüber haben wir handyfrei gemacht und uns sehr auf die Maus und ihre Bedürfnisse konzentriert, uns selbst aber auch immer wieder Auszeiten zum Windsurfen gegönnt. Das hat super geklappt.
      Aber abends, wenn die Kleine im Bett lag…tja, da saßen wir dann vor dem Wohnwagen zusammen und am 1 Abend sagte ich: „Hey, wir können doch jetzt hier nicht sitzen und mit den Handys im Internet rumsurfen …müssten wie nicht Karten spielen oder uns angeregt unterhalten? Wie sieht das sonst aus?“

      Und mein Mann, der Gute, antwortete: „Wir müssen hier gar nichts. Es ist unser Urlaub und so lange wir beide happy sind, können wir genau da tun. Es gibt schließlich keinen Urlaubs-Knigge. Also nimm dein Handy und lies deine ganzen Blogs, wenn du magst.“

      Und ganz ehrlich….genau so haben wir das gemacht und es war für uns perfekt. ♡

  3. Danke für diesen Text <3!

    Er kommt genau richtig heute, die Streitigkeiten nehmen gerade Ausmasse an… Und ich bin gleichzeitig traurig, dass unsere Ferien schon zu Ende gehen und erleichtert, mir das Gezanke nicht tagesfüllend anhören zu müssen.

    Ich empfinde es als total entlastend, wenn es anderen auch so geht ;).

    Habt noch gute Tag,

    Antje

  4. Zum Glück noch vor Ende der Sommerferien in Baden-Württemberg gelesen … dann kann ich mein Dauergemotze ja jetzt mal einstellen Tausend Dank, Anna, und liebe Grüße!

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